EYZ kuratierte für die Aktion Mensch das Filmprogramm zum Projekt "Stadt der 1000 Fragen", das vom 18. - 24. September 2003 stattfand. Nachfolgend der Einführungstext des Katalogs:
"Was wollen wir, wenn alles möglich ist?
1000 Fragen zur Bioethik.
Bioethik – auch eine Frage der Perspektive:
Eden Kötting, deren Sinne durch das Joubert-Syndrom definiert werden;
Chris Langan, Türsteher, Rausschmeißer und Mensch mit einem der höchsten I.Q.s der Welt;
Sarah Neef, gehörlose Tänzerin;
Fanny Ballantine-Himberg, deren größtes Problem nicht ist, dass ihre Eltern schwul, sondern dass sie geschieden sind;
Temple Grandin, Professorin und Autistin, verantwortlich für das Design der Hälfte aller US-amerikanischen Schlachthäuser;
Individuelle Leben, individuelle Blicke in die Welt und eben auch Fokuspunkte des kollektiven Blicks auf ‚Leben’ im Licht einer neuen ‚Machbarkeit’. Die einzigartige Perspektive jedes Individuums widersteht und widerstrebt dem Sog der Norm.
Die Kunst des ‚Fragenstellen’: Das ‚Interrotron’, eine patentierte ‚Interviewmaschine’ umkreist mit zwanzig Kameraaugen das Subjekt seines Interesses. Die linearen „Waffen“ des Journalismus arbeiten mit genauer Recherche und Hartnäckigkeit. Ein Filmemacher überwindet seine Sprachlosigkeit im Angesicht ungezügelter Forschung. Wie verschieden die Methoden auch sein mögen, in der Frage an sich liegt schon eine Befreiung.
Der ‚Common Sense’, der gesunde Menschenverstand, der oft der Frage des ‚Laien’ zu Grunde liegt, ist in der Lage, scheinbar komplizierte Sachverhalte transparent zu machen. (Und nicht ohne Grund ist es der ‚Common Sense’, dem die Programmierer von A.I. – Artificial Intelligence – seit Jahren vergeblich hinterher jagen und den sie mittlerweile als ‚Schlüssel’ zum Menschsein sehen.)
Individuelle Perspektive, der befreiende Akt der Frage, gesunder Menschenverstand sind drei wesentliche Komponenten des Filmprogramms.
Das Filmprogramm, das gleichzeitig im Arsenal, im Cinemaxx Potsdamer Platz sowie an den Sonderorten St.-Thomas-Kirche, Zollernhof und Krematorium-Baumschulenweg stattfindet, zeigt mit über zwanzig deutschen und internationalen Produktionen, wie Dokumentar-, Spiel- und Experimentalfilme der letzen Jahre die Themen der Bioethik aufgreifen. Mit Errol Morris (Deutschlandpremiere seiner „First-Person-Serie“), Peter Greenaway („Darwin“) und Frederick Wiseman (Wiederaufführung des 6-Stunden-Meilensteins „Near Death“) äußern sich drei der wichtigsten Regisseure aus dem Dokumentar- und Kunstbereich.
Hannelore Hoger als ZDF-Kommissarin Bella Block und Desiree Nosbusch als Wissenschaftlerin in der SAT1-Preview „Geheimnis des Lebens“ lassen erkennen, wie die populäre TV-Kultur das Thema verarbeitet.
Welche – auch wirtschaftlichen – Interessen wirken auf die Entscheidungsprozesse zur Bioethik ein? Antworten geben „Clone Inc.“ und die TV-Journalistin Silvia Matthies, die ihren neuen Film „Organspende von Lebenden“ vorstellt. Der japanische Anime-Film „Palumu no ki“ von Nakamura Takashi, dem Zeichner von „Akira“, und die koreanischen Schamaninnen in „Mudang“ öffnen Zugänge in die ganz eigene Sichtweise fremder Kulturen.
Kinder und Elternschaft gehören sicher zu den emotionalsten Seiten des Themas; mit „Daddy & Papa“ zeigen wir einen Film über schwule Paare mit Kinderwunsch, bei „My Flesh and Blood“, dem Gewinner des Sundance-Festivals von 2003, geht es um die Adoption von Kindern mit Behinderungen. „Contergan: Die Eltern“, „Refrigerator Mothers“ und „Offspring“ werden weniger die schlagzeilenträchtigen ‚neuen’ Reproduktionstechniken als vielmehr sehr persönliche Lebensläufe vorstellen.
Selbstbewusst ‚anders’ sind auch die Protagonisten zweier Programme von arte-TV. Den ‚anderen’ Blick auf die Welt zu achten und zu verstehen ist der Ansatz von Andrew Kötting in „Mapping Perception“, einer einzigartigen Kollaboration von Film, Forschung und Kunst.
Regisseure, Darsteller und viele andere Gäste begleiten das Programm mit Einführungen, Diskussionen und Gesprächen.
Weitere Informationen in der ausliegenden Broschüre und unter www.1000fragen.de."