Im Rahmen des Gesellschafter-Projekts der Aktion Mensch organisiert EYZ 3 themenorientierte bundesweite Filmfestivals.
Das 2. mit dem Titel "ueber morgen" zu 'Utopien, Lebensentwürfe, Weltträume' startete am 1. November 2007 und lief bis Juli 2008.
Filme über Morgen
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? – dies ist die zentrale Frage, die eine demokratische Welt
im Innersten zusammenhält. Denn idealerweise wird die Zukunft des Zusammenlebens nicht über ein Sollen oder Müssen, sondern ein kollektives Wollen gestaltet. Das aber manifestiert sich nicht nur in aktuellen Wahlentscheidungen, sondern mehr noch in verbreiteten und wirkmächtigen Vorstellungen über das Morgen. Wer Zukunft mitgestalten möchte, sollte sich mit herrschenden Utopien, Träumen und Weltentwürfen auseinandersetzen. Denn Utopien fordern Veränderung und sind immer als kritischer Gegenentwurf zur bestehenden Welt zu ver stehen: Entweder behaupten sie, die Welt könne besser werden, oder sie zeichnen ein bedrohliches Szenario und warnen vor gefährlichen Entwicklungen. In beiden Fällen fordern
sie zum Engagement heraus: Sei es, um der idealen Welt näher zu kommen, oder um das Schlimmste zu verhindern. Die Gesellschafter, eine gemeinsame Initiative der Aktion Mensch und zahlreicher Kooperationspartner, plädiert für ein gemeinsames Nachdenken über eine lebenswerte, gerechte und menschenwürdige Zukunft für alle – und ist da mit in gewisser Weise selbst ein utopisches Projekt. Welche Werte sind uns wichtig? Welche Träume inspirieren uns? Für welche Überzeugungen lohnt es sich einzutreten? Und welche Möglichkeiten der Gestaltung gibt es? Auf der Website dieGesellschafter.de finden sich Diskussionsforen zu diesen Themen, Informationen über alle Aktionen und Projekte sowie das Netzwerk der Initiative. Die Filmfestivals der Gesellschafter-Initiative geben die Möglichkeit, die Welt aus ungewöhnlichen Perspektiven neu zu sehen und zu diskutieren. Das aktuelle Festival ueber morgen knüpft dabei an das letzte Festival „ueber arbeiten – Arbeit, Wirtschaft, Globalisierung“ an. Beide werden getragen von über 30 bundesweiten und mehr als 1000 regionalen Verbänden und Organisationen der Zivilgesellschaft. ueber morgen ist von November 2007 bis Sommer 2008 in hundert deutschen Städten zu Gast. 13 Filme präsentieren ein vielschichtiges Panorama von vergangenen
und gegenwärtigen Utopien und Weltentwürfen. Sie zeigen Bedingungen, unter denen sich Veränderungen vollziehen, und lassen Menschen zu Wort kommen, die über ihre Motive, ihre Ziele, ihre Erfolge und auch ihr
Scheitern erzählen. Und sie geben uns eine Idee davon, wie die Welt von Morgen aussehen könnte – wenn wir das wollen.
Die Filme
VERSCHWÖRUNG DER HERZEN
Kabal i hjerter, NOR 2006,
Regie: Øyvind Sandberg, 60 Min., DF
Kåre Morten und Per, zwei Freunde mit Down-Syndrom, führen im norwegischen Bergen ein ganz normales Leben, bis Kåre Morten sich in Maybritt verliebt. Zwischen Herzklopfen, Liebesbriefen und einer skeptischen Mutter lernt er, mit seinen Gefühlen umzugehen und vor Problemen nicht wegzulaufen. Eine anrührende Geschichte über drei Menschen, die eine ganz konkrete Utopie erlebbar machen: ein selbstbestimmtes Leben inmitten der Gesellschaft.
I BROKE MY FUTURE – PARADIES EUROPA
D 2006, Regie: Carla Gunnesch, 78 Min.,
DF, Fremdsprachen dt. untertitelt
Demokratie, soziale Versorgung, Wohlstand – was für uns Selbstverständlichkeiten sind, klingt für viele Menschen außerhalb der „Festung Europa“ wie das leibhaftige Paradies. Hunderttausende versuchen jedes Jahr, als Asylbewerber oder Illegale die Grenzen zur EU zu überwinden. Die Dokumentation begleitet vier junge Afrikaner in Berlin, deren Träume längst zerbrochen sind. Ihr Alltag besteht aus Angst vor Kontrollen, Ausbeutung als illegale Arbeitskraft und der schwindenden Hoffnung auf eine Lebensperspektive.
EGGESIN MÖGLICHERWEISE
D 2005, Regie: Olaf Winkler, 84 Min., DF
Zu Zeiten der DDR waren in Eggesin 27.000 Soldaten stationiert. Dann kam die Wende und der Standort wurde aufgelöst. Die örtliche Wirtschaft brach zusammen, junge Leute wandern ab. Mehr als ein Drittel der Einwohner sind bereits fort, weitere dreißig Prozent sollen noch folgen. Doch die Bürger von Eggesin resignieren nicht. Sie versuchen, sich in agilen Bürgerschaften zu organisieren und mit Einfallsreichtum das Beste aus ihrer Situation zu machen.
DER DUFT DES PARADIESES
Smell of Paradise, NL/PL 2005,
Regie: Marcin Mamon, Mariusz Pilis, 78 Min., DF
Der Kampf für eine vom Islam dominierte Gesellschaft ist eine der mächtigsten „Utopien“ unserer Zeit – ob uns das gefällt oder nicht. Was bringt Menschen dazu, ihr Leben für eine Religion zu opfern? Auf einer Reise durch die Brennpunkte des politischen Islam von Tschetschenien bis Afghanistan führt der „Duft des Paradieses“ in eine fremde Welt, in der Religion und Politik unheilvolle Allianzen eingehen.
JESUS CAMP
USA 2006, Regie: Heidi Ewing, Rachel Grady, 84 Min., DF
Für Becky Fischer steht fest: „Demokratie und Freiheit zerstören sich selbst.“ Sie organisiert Sommercamps für Kinder evangelikaler Christen in den USA, in denen Fünf- bis Zwölfjährige mit suggestiven Methoden zur
„Armee Gottes“ herangezogen werden – Vorreiter einer künftigen politisch-religiösen Erneuerung der Vereinigten Staaten. Der Oscarnominierte Film zeigt ein martialisches Christentum, das die Frage aufwirft, welchen Platz darin Andersdenkende haben.
MENSCHEN, TRÄUME, TATEN
D 2007, Regie: Andi Stiglmayr, 88 Min., DF
43 Frauen, 35 Männer und 33 Kinder haben sich den Traum vom selbstbestimmten Leben erfüllt: Seit zehn
Jahren leben sie zusammen im Ökodorf „Sieben Linden“. Ihr Gesellschaftsentwurf basiert auf genossenschaftlichem Eigentum, Mitbestimmungsrecht, Gemeinschaftskultur und Selbstversorgung. Ohne die Probleme einer Großkommune auszusparen, zeigt Andreas Stiglmayr, wie Utopie ganz konkret gelebt werden kann.
MIT 25 GEHT’S BERGAB
D 2005, Regie: Milka Pavlicévi, André Schäfer, 75 Min., DF
Mit 25 hat der menschliche Körper seinen Leistungshöhepunkt erreicht. Für viele Menschen ist der eigene Körper ihr wichtigstes Projekt. Ist Altern eine Krankheit? Ist eine Gesellschaft denkbar, in der es nur noch schöne Menschen gibt? Oder wie Wolfgang Joop es formuliert: „Warum ist alles, was du bist, gelernt und erfahren hast, nichts wert angesichts von jemandem, der nichts hat außer seiner Jugend?“
GELÉE ROYALE – DER STAAT BIN ICH
D 2004, Regie: Antje Knapp, 65 Min., DF
Ob Stadtviertel, Insel, Wohnzimmer oder Tischplatte: nichts ist zu klein, um nicht ein eigener Staat werden zu können. Selbsternannte Monarchen präsentieren ihre Wohnzimmerutopien, deutsche Amtsträger philosophieren über die Bundesrepublik Deutschland und Bewohner der „Freistadt Christiania“ in Kopenhagen berichten aus ihrer basisdemokratischen und autonomen Gemeinschaft, die schon seit 35 Jahren existiert.
THE WILD BLUE YONDER
D 2005, Regie: Werner Herzog, 81 Min., OmU
Filmemacher Werner Herzog erzählt in „The Wild Blue Yonder“ die Geschichte zweier hoffnungsloser Begegnungen mit der jeweils anderen Art. Zwischen verlorenen Aliens, im All treibenden Astronauten und Astrophysikern, die über interplanetarische Super-Highways spekulieren, entdeckt er die gefährdete Schönheit des Planeten Erde: Warum in ferne Galaxien streben, wenn es auf dem eigenen Planeten einiges zu tun gibt?
UNSER PLANET
Planeten, SWE/DK/NOR 2006,
Regie: Michael Stenberg, Johan Söderberg, Linus Torell, 82 Min., DF
Bis 2010 werden sieben Milliarden Menschen die Erde bevölkern, 2050 sollen es neun Milliarden sein. Sie alle auf dem Niveau der westlichen Industrieländer zu versorgen, würde die Ressourcen von fünf Planeten erfordern. Müssen wir radikale Abstriche an unserem Lebensstandard vornehmen, um das Überleben aller zu sichern? Ist die Menschheit zu einem Kurswechsel überhaupt fähig?
A SCANNER DARKLY – DER DUNKLE SCHIRM
A Scanner Darkly, USA 2006,
Regie: Richard Linklater, 100 Min., DF
Undercover-Ermittler Fred erhält den Auftrag, einen gewissen Bob Arctor zu observieren − der niemand anderes ist als er selbst. Richard Linklater verfilmt den legendären Roman von Kultautor Philip K. Dick mit Stars wie Winona Ryder, Keanu Reeves, Robert Downey Jr. und Woody Harrelson, doch mit der Technik eines Animationsfilms. In überwältigender visueller Ästhetik zeichnet er das düstere Bild eines paranoiden Überwachungsstaates mit Parallelen zum gegenwärtigen „Krieg gegen den Terror“.
HINTER DEM ZUCKERVORHANG
El telón de azúcar, CUB/ESP/F 2006,
Regie: Camila Guzmán Urzúa, 82 Min., OmU
Kuba polarisiert: für die einen der letzte Hort der „sozialistischen Utopie“, für andere Ort von Menschenrechtsverstößen und bitterem Mangel. Camila Guzmán Urzúa wuchs in den Achtzigern in Kuba auf. Sie zeichnet ein wehmütiges Bild vergangener Ideale von sozialer Gleichheit, Erfüllung aller Grundbedürfnisse durch den Staat und Leichtigkeit des Lebens, die einer tiefgreifenden Desillusionierung gewichen sind, seitdem mit dem Ende des Ostblocks auch die kubanische Wirtschaft zusammenbrach.
LIP ODER DIE MACHT DER PHANTASIE
Les Lip, L’imagination au pouvoir, F 2007, Regie: Christian Rouaud, 118 Min., DF
1973 beginnt in der französischen Stadt Besançon ein soziales Experiment: Weil die Arbeiter der Uhrenfabrik Lip um ihre Arbeitsplätze fürchten, besetzen sie ihre Fabrik und übernehmen die Uhrenproduktion in Eigenregie. Zwei Jahre lang gelingt es ihnen, die Produktion weiterzuführen, Konzepte selbstbestimmter und gleichberechtigter Arbeit zu erproben und Entlassungen zu verhindern, bis die Fabrik 1975 zerschlagen wird.
Das Festival war in 100 Städten zu Gast:
A: Aachen, Aschaffenburg, Augsburg
B: Bad Endorf, Bamberg, Bayreuth, Berlin, Bernkastel-Kues, Bielefeld, Biesenthal, Bochum, Boizenburg, Bonn, Braunschweig, Bremen
C: Chemnitz, Coburg, Cottbus
D: Darmstadt, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf
E: Eggesin, Eisenach, Ellwangen, Erfurt, Erlangen, Essen, Esslingen
F: Finsterwalde, Frankfurt/Main, Frankfurt/Oder, Freiburg
G: Göttingen, Greifswald, Gütersloh
H: Halberstadt, Halle, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Herford, Herrsching, Hof/Saale
I: Immenstadt, Ingolstadt
J: Jena
K: Kaiserslautern, Karlsruhe, Kassel, Kiel, Koblenz, Köln, Konstanz
L: Leipzig, Lich, Lübeck
M: Magdeburg, Mainz, Mannheim, Marburg, Markneukirchen, Moers, München, Münster
N: Neitersen, Neubrandenburg, Neuruppin, Neustrelitz, Nürnberg
O: Oldenburg, Oranienburg, Osnabrück
P: Passau, Plauen, Potsdam
R: Regensburg, Remscheid, Reutlingen, Rostock
S: Saarbrücken, Schwäbisch Gmünd, Schwerin, Seefeld-Hechendorf, Sindelfingen, St. Ingbert, Stuttgart
T: Titisee-Neustadt, Trier, Tübingen
U: Ulm
W: Weiterstadt, Wiesbaden, Witzenhausen, Wolfsburg, Würzburg
Z: Zeil am Main, Zickra, Zwickau